Mobilisierung und Regimesturz

Am Anfang des Ukrainekrieges hatte ich einen Artikel publiziert, indem ich darüber spekulierte ob Putin mittels Reiterstatue gedacht wird oder nicht doch als Fleischklumpen in die Geschichte eingeht.

Nun dauert dieser Krieg schon länger als ein halbes Jahr und Moskau hat noch keines seiner anvisierten Ziele erreicht, wobei diese Ziele unterschiedlich definiert wurden. Mal hatte uns Moskau mitgeteilt, dass es um eine Demilitarisierung ging, dann ging es um Entnazifizierung, dann um einen Sturz der gewählten Regierung und dann um das Heimholen angeblicher russischer Erde nach Russland.

Die Fortschritte der militärischen Militäroperation sind eher bescheiden, seit über einer Woche muss Moskau sogar einen Rückwärtsgang einlegen und mühselig erobertes Gelände verlassen, hierzu gehört auch das Zurücklassen der zivilen Bevölkerung, die zum Teil eher Moskau zugewendet waren. Der wesentliche Grund hierfür ist, dass Moskau nicht genügend Soldaten einsetzt, insbesondere im infanteristischen Bereich um im Kampf verbundener Waffen zu operieren und Räume einzunehmen und diese zu halten.

Hierzu ist es notwendig zu wissen, dass das russische Militär sowohl aus Wehrpflichtigen, sowie Vertragssoldaten besteht. Der größte Teil dieser Wehrpflichtigen dürfte im Heer eingesetzt werden. Die Wehrpflichtigen sind dabei in Einheiten eingesetzt zusammen mit den Vertragssoldaten, d.h. auf einem Kampfpanzer, als Panzergrenadiere oder im Artilleriebereich. Russland selber hat offensichtlich größtenteils darauf verzichtet diese Wehrpflichtigen einzusetzen, auch wenn einzelne Wehrpflichtige am Anfang in der Militäroperation eingesetzt wurden.

Eingesetzt werden momentan Vertrags- und Berufssoldaten, Polizei- und Grenzschutzeinheiten (als Infanterie), ausgehobene Truppen (mittels Wehrpflicht) in den sogenannten Republiken, Söldnereinheiten wie Wagner, sowie sogenannte Freiwillige. Die sogenannten Freiwilligen sind Vertragssoldaten die kurzfristig ausgehoben werden sollen und für russische Verhältnisse relativ viel Geld bekommen (Gerüchten zufolge das 3-fach wie ein Vertragssoldat, sowie einen Bonus für die Vertragsunterzeichnung). Dabei werden anscheinend Soldaten angeworben bis 50 Jahre, auch solche die vorher keine militärische Erfahrung hatten und gegebenenfalls früher aussortiert wurden. Die Dauer des Einsatzes beträgt dabei 3 Monate, dazu kommt ein Monat Ausbildungsdauer. Diese Rekrutierung scheint nicht besonders erfolgreich zu sein, da kaum Truppen ausgehoben werden. Dazu dürfte auch die militärische Schlagkräftigkeit fragwürdig sein, wer lässt sich dort anwerben? Dazu kommt noch, dass eine Ausbildungszeit von einem Monat im Normalfall viel zu kurz ist, wenn keine militärische Vorerfahrung vorliegt oder der Einsatz erfolgt bei dem eine zivile Erfahrung vorliegt, zum Beispiel als LKW-Fahrer und ein Einsatz als Fahrer erfolgt.

Russland steht vor dem fundamentalen Problem, dass es nicht genügend (infanteristische) Truppen hat. Um diesen Problem zu lösen stehen letztendlich drei Möglichkeiten bereit:

  • Einsatz von Wehrpflichten
  • Mobilisierung der Reserve
  • (Teil)Mobilsierung

Wehrpflichtige könnten eingesetzt werden, der letzte Einberufungstermin erfolgte am 01.04. Zudem stehen noch Wehrpflichtige bereit die am 01.10. letztes Jahr gezogen wurden. Die Zahl der Wehrpflichtigen soll bei ca 260.000 betragen, mehr als die Hälfte dürfte im Heer dienen.

Reservisten können gezogen werden, kurzfristig Fertigkeiten aufgefrischt werden und dann eingesetzt werden.

Eine (Teil)Mobilisierung könnte erfolgen und somit die Last auf eine größere Zahl von Schultern ruhen, zum Beispiel mittels öffentlicher Lotterie.

Moskau scheut aber diese Optionen. Woran liegt dieses eigentlich, denn unsere „Putinversteher“ wollen uns ja weismachen, dass eine hohe Zahl von Russen hinter diesem Einsatz steht. Wäre dem so, so sollte es kein Problem sein, wobei die letztere Option die gerechtere wäre. Die pragmatistische Lösung wäre der Einsatz der Wehrpflichtigen, wobei Moskau ja sogar die Option hätte zum Beispiel Soldaten die jetzt fast einem Jahr dabei sind, auch 3-Monatsvertrag anzubieten oder einen 6-Monatsvertrag. Die Soldaten die am 01.10. ihren Wehrdienst angetreten haben, haben noch eine Restlaufzeit von drei Monaten. Diesen könnte man anbieten, dass sie die letzten drei Monate als „Freiwillige“ zu den entsprechenden Konditionen eingesetzt werden. Wehrpflichtige die zum 01.04. gezogen wurden, könnte man einen 6-Monatsvertrag anbieten, so dass sogar drei Monate Wehrdienst entfallen würden.

Mein persönlicher Eindruck ist ja der, dass die Zustimmung nur auf dem Papier so hoch ist, denn niemand wird ja gefragt worden sein, ob er denn dann auch bereit wäre die Waffe in die Hand zu nehmen und in der Ukraine eingesetzt zu werden.

Es ist also möglich, dass Putin mit dem Rücken an der Wand steht, da er schlicht und einfach keine Handlungsmöglichkeiten hat. Interessanterweise scheint es ja so zu sein, dass Armenien im Konflikt mit Aserbeidschan auf sich alleine gestellt ist und nicht auf Verbündete setzen kann. Damit ist aber auch das Sicherheitsbündnis wertlos.

4 Kommentare zu „Mobilisierung und Regimesturz

  1. Ob die Informationen richtig sind weiss ich nicht, aber es wird zumindest von russischer Seite behauptet, dass es sich um eine reine Freiwilligen-Armee handelt, auch bei den eingesetzen professionellen Berufssoldaten und den Wehrpflichtigen. Bis auf die Raketen scheint das eingesetzte Waffenmaterial vorwiegend aus den Reserven zu stammen. Und Putin will ja die zwei Abstimmungen ueber den Anschluss 2er Provinzen an Russland diesen Monat abhalten, um 1. seine (unfreiwillige) Armee in den neuen Gebieten stationieren zu koennen, und 2. in den neuen Provinzen Zwangsrekruten zu verpflichten. Er muss da wohl etwas Nebel darueber legen. Niemand darf von einem Krieg sprechen, sondern nur ueber eine Sonderoperation, weil ihm ein Krieg politisch uebel genommen wuerde. Bei den bisherigen Wahlen stand seine Partei aber immer deutlich ueber 50%.

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  2. Ich denke, Du verstehst den wichtigen Punkt nicht. In den umkämpften Gebieten liegen so viele Bodenschätze, das reicht für (aktuell) 800 Jahre. So viel Geld gibt es kaum, und ich würde jetzt nicht auf den Westen wetten, wenn das auf die Frage rausliefe, welchem Regime Menschen weniger egal sind.

    Ich habe da halt aber einen Bias. Ich bekam gerade meine Heizölrechnung. Das war nicht unbedingt produktiv für meine Einstellung zum dem Fall, dass jemand eine Atombombe auf den Reichstag wirft.

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    1. Wenn den Russen die Bodenschätze so wichtig sind, müssten sie mehr Soldaten einsetzen. Wenn die für 800 Jahre reichen kann man natürlich auch abwarten bis der Russe demographisch ausblutet. Momentan sieht es ja nicht so gut aus. Aserbadschein greift Armenien an und Georgien will darüber abstimmen lassen ob man nicht einfach die abtrünnigen Republiken zurückerobert. Fehlt dann nur noch Moldawien und gegebenfalls Deutschland bezüglich Königsberg, Finnland hat da ja auch noch ein paar Gebietsansprüche.

      Heizkosten? Die haben sich ein wenig erhöht, da ich mir aber erstmal ein neues Fahrzeug gegönnt und dessen Steuern sogar höher sind als die Erhöhung der Heizkosten. also irrelvant. Viel wichtiger ist es ob Strom gibt.

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