„[…] Bedürfnisse anzugewöhnen, deren Befriedigung bloß durch dauernde Arbeitsleistung zu ermöglichen war“

Vor ein paar Monaten durfte ich mit Genuss „am Leben teilhaben“ eines außergewöhnlichen Mannes – Werner von Siemens – in Form seiner Autobiographie. Diese ist im FinanzbuchVerlag (wieder)veröffentlicht wurden, Titel: Lebenserinnerungen. Das Buch ist gegliedert in die einzelnen Lebensabschnitte dieses Mannes: Kindheit und Jugend, Militärzeit, seinen Erfindungen und seinen Auslandsexpansionen und seine staatsmännischen Aktivitäten. Es gibt an einigen Stellen des Buches Abschnitte die zitationswürdig sind, die sich insbesondere mit Beobachtungen und Schlussfolgerungen befassen. Insofern empfehle ich dem Leser dieses Blogs einfach das gesamte Buch zu lesen. Es gibt aber eine Stelle im Buch die ich einmal komplett zitieren möchte, da sie viel beiträgt zum einem Aspekt, welches man unter dem Thema „Konsumgesellschaft“ abhandeln könnte, aber auch unter einem anderen nämlich dem Thema „Ressourcentransfer“, oder aber einfach beides. Aber am Besten der Leser bildet sich selber ein Urteil:

So wie unterirdische Fürstensitze baut man auch große unterirdische Stallungen im Kaukasus. Ich hatte solche schon während der Reise auf einer der Poststationen kennengelernt, wo ich durch Wiehern und Pferdegetrampel unter mir darauf aufmerksam wurde, daß ich auf einem promentiere. Man rühmt die Kühle der unterirdischen Behausungen im Sommer und ihre Wärme im Winter, und es hat der Hüttendirektion zu Kedabeg viel Mühe gekostet, die asiatischen Arbeiter an Steinhäuser zu gewöhnen. Als dies schließlich mit Hilfe der Frauen gelang, war damit denn auch die schwierige Arbeiterfrage gelöst. Da nämlich die Leute dort nur sehr geringe Lebensbedürfnisse haben, so liegt kein Grund für sie vor, viel zu arbeiten. Haben sie sich so viel Geld verdient, um ihren Lebensunterhalt für etliche Wochen gesichert zu haben, so hören sie auf zu arbeiten und ruhen. Es gab dagegen nur das eine Mittel, den Leuten Bedürfnisse anzugewöhnen, deren Befriedigung bloß durch dauernde Arbeitsleistung zu ermöglichen war. Die Handhabe dazu bildete der dem weiblichen Geschlechte angeborene Sinn für angenehmes Familienleben und seine leicht zu erweckende Eitelkeit und Putzsucht. Als einige einfache Arbeitshäuser gebaut und es gelungen war, einige Arbeiterpaare darin einzuquartieren, fanden die Frauen bald Gefallen an den größeren Bequemlichkeiten und Annehmlichkeit der Wohnungen. Auch den Männern behagte es, daß sie nicht mehr fortwährend Vorkehrungen für die Regensicherheit ihrer Dächer zu treffen brauchten. Es wurde nun weiter dafür gesorgt, daß die Frauen sich allerlei kleine Einrichtungen beschaffen konnten, die das Leben gemütlicher und sie selbst für die Männer anziehender machten. Sie hatten bald Geschmack an Teppichen und Spiegeln gefunden, verbesserten ihre Toilette, kurz sie bekamen Bedürfnisse, für deren Befriedigung nun die Männer sorgen mußten, die sich selbst wohl dabei befanden. Das erregte den Neid der noch in ihren Höhlen wohnenden Frauen, und es dauerte gar nicht lange, so trat ein allgemeiner Zudrang zu den Arbeiterwohnungen ein, der allerdings dazu nötigte, für alle ständigen Arbeiter Häuser zu bauen.

Ich kann nur dringend raten, bei unseren jetzigen kolonialen Bestrebungen in gleicher Richtung vorzugehen. Der bedürfnislose Mensch ist jeder Kulturentwicklung feindlich. Erst wenn Bedürfnisse in ihm erweckt sind und er Arbeit für ihre Befriedigung in ihm erweckt sind und er an Arbeit für ihre Befriedigung gewöhnt ist, bildet er ein dankbares Objekt für soziale und religiöse Kulturbestrebungen. Mit letzterem zu beginnen wird immer nur Scheinresultate geben.[…]

Hervorhebungen durch den Blogautor. Interessant ist, dass Siemens von Kulturentwicklung spricht, obwohl die „Weiber“ sich doch anscheinend zunächst nur mit Nippes eindecketn. Oder täuscht da mein Eindruck?

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